„Hoffe auf den Herrn,

sei Stark, und dein Herz fasse Mut!“

– Psalm 27,14 (Bibel)

Eine lange Strecke zu gehen, bedeutet sich einer Extremsituation auszusetzen. Manchmal lässt mich die bereits zurückgelegte Strecke staunen. Über 100 Tage sind wir bereits unterwegs! Dann wieder bin ich voller Ehrfurcht vor dem Weg vor uns. Das Wetter lässt die Gefühle und Emotionen Achterbahn fahren: Zeitweise kann ich breit grinsend durch den Sonnenschein gehen, andauernder Regen und Wind lassen mich gereizt und ärgerlich sein. Mitpilger sorgen für interessante Gespräche, doch manchmal ist die Menge an Pilgern auch einfach zu viel. Mal bin ich im Hier und Jetzt, mal gedanklich in der Vergangenheit oder Zukunft. Viele Extreme, obwohl ich doch einer simplen Betätigung nachgehe: Laufen – Schritt für Schritt, Tag für Tag.

 

Zum Glück gibt es Rituale am Wegesrand, die mich zur Ruhe kommen lassen und die Extreme in meinem Inneren zusammenrücken. 

„Eine Blume, die in der Dürre erblüht,

ist die seltenste und schönste von allen.“

– Mulan

In fast jedem Ort gibt es Abends eine spezielle Messe in der Kirche für Pilger. Die Besucherzahl ist meist überschaubar und die steinernen Gewölbe der Kirchen sind von einer speziellen Stille erfüllt. Sie ist schwer zu beschreiben, kaum zu fassen. Es ist eine Stille aus dem schüchternen Knarren der Holzbänke, dem vorsichtigen Rascheln der Jacken und den verirrten Geräuschen, die durch das Kirchenportal gedämpft zu uns hereindringen. Wie ein Mantel liegt über allem eine beruhigende, große Stille aus kalten Steine und hohen Altäre. Die langsamen, schlurfenden Schritte der Besucher fügen dieser großen Stille eine weitere dynamische Stille hinzu. Inmitten dieser Komposition sitze ich und füge eine weitere persönliche Stille hinzu: meinen leisen, nur für mich wahrnehmbaren, Atem.

Klostermauer in Sahagun
Eingang zur Klosterherberge.

Hier komme ich ganz zur Ruhe, muss nichts planen, kein Gespräch führen, nichts vorbereiten oder zubereiten. Hier kann ich ganz in der stillen Gegenwart sitzen und verweilen. Auch wenn ich in den Pilgermessen nur wenig verstehe, so genieße ich doch den Segen, der mir als Pilger zuteil wird.

 

Besonders am Ende der Pilgermesse der Klostergemeinschaft Santa Cruz in Sahagun. Hier erhielt jeder Pilger den Segen übersetzt in seiner eigenen Sprache. Erst dann sprach uns der Priester den Segen auf englisch zu.

 

Ich möchte diesen Segen mit dir teilen und ihn dir für deinen Tag zusprechen:

Segensgebet für den Pilger

 

“Herr, du hast deinen Diener

Abraham aus Caldea geführt.

Du hast ihn auf seinen mühseligen

Wanderungen beschützt.

Du hast das Volk der Hebräer durch

die Wüste geleitet.

Wir bitten dich um Deinen Segen

Für diese deine Söhne (Töchter).

Sie sind aus Liebe, dass sie Christen heißen dürfen,

auf dem Weg nach Compostela.

 

Begleite sie auf ihrer Pilgerschaft.

Zeige ihnen den rechten Weg.

Sei ihnen Schatten in der Hitze,

Licht in der Dunkelheit,

Beruhigung in der Unruhe,

und Stärke in ihrem Vorhaben.

So mögen sie unter deiner Führung

gesund ans Ziel ihres Weges gelangen,

und reich an Gnade und Tugend,

gesund und voll heiliger Freude

wieder zu Hause ankommen.

 

Das erbitten wir im Namen Jesu Christi,

unserem Herrn.“

Herbststimmung am Morgen
Stärkender Ruheplatz
Ausgelassene Freude

Vor der Messe und dem Pilgersegen wurde eine Gesprächsrunde für Pilger in der Herberge des Klosters angeboten. Insgesamt trafen sich sechs Pilger und dachten gemeinsam über ihre bisherigen Erfahrungen auf dem Camino nach. Dabei sind die Fragen, die der Priester stellte, nicht nur für den Jakobsweg gedacht.

 

Jeder sollte sich diese Fragen einmal stellen:

 

 

Wie heißt du und woher kommst du?

Wohin willst du gehen?

Warum bist du unterwegs?

Was möchtest du von deinen bisherigen Erfahrungen mit in den Alltag nehmen?

Was für spirituelle Erfahrungen hast du bereits gemacht?

Voller Freude...
... und Energie!

Für mich eine ganz besondere Erfahrung in einer warmherzigen und einladenden Herberge am Wegesrand. Hier konnte ich auftanken, neuen Mut fassen und erneut mein Vertrauen stärken. Wie gut es tut, Inne zu halten und sich wieder neu auszurichten.

Wohin willst du im Leben gehen?

Danke!

Wir sind überwältigt von den verschiedensten E-Mails, die uns in den letzten Tagen erreicht haben. Danke für eure Begleitung, die mutmachenden Worte und Inspirationen für unseren Weg. Es ist für uns sehr besonders mit euch in Kontakt zu sein.

 

Besonders bedanken wir uns bei Nina, Holger und Mirja für die finanzielle Unterstützung. Dank euch wird unsere Wanderung so schnell nicht zu Ende gehen! 

 

Wir fühlen uns sehr gesegnet durch euch.

27.10.2020

Schreibe einen Kommentar