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  • Beitrag veröffentlicht:4. Oktober 2020
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„Ein vertrauter Geruch lag in der Meeresbriese,

wie von Feuern, die in der Ferne brennen, mit einem Hauch von Zimt darin.“

– Walter Moers in „Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär“

So riecht für Käpt‘n Blaubär das Abenteuer. Egal wo er auf den sieben Weltmeeren unterwegs ist, dieser vertraute Geruch löst in ihm ein bestimmtes Gefühl von Freude aus. Bestimmt denkt er gerne an diesen Geruch und das damit bevorstehende Abenteuer.

Bei uns ist es ganz ähnlich. Wir befinden uns gerade in einem Abenteuer oder besser gesagt in vielen kleinen, die sich täglich aneinander reihen. Dabei stoßen wir immer wieder auf Vertrautes, das in uns Erinnerungen wachruft. Manchmal ist es ein Geruch, eine Landschaft, ein Haus oder ein bereits gedachter Gedanke. Dazwischen mischen sich Tagträume und Sehnsüchte nach Zurückgelassenem. Einige würden es Heimweh nennen, doch dies trifft es unserer Meinung nach nicht ganz.

„Dem guten Frager ist schon halb geantwortet.“

– Friedrich Nietzsche

„Woran denkst du gerade?“, ist eine Frage, die wir uns oft gegenseitig stellen. Manchmal laufen wir schweigend vor uns hin; jeder in seinen eigenen Gedanken. Irgendwann hat man ausgedacht und fragt sich, was der andere wohl gerade denkt. Die Antworten auf diese Frage sind so vielfältig, wie die Landschaften durch die wir laufen. Diese ist oft der Auslöser längerer Gedankenketten. Es beginnt mit einem schönen Ausblick, einem idyllischem Haus oder Liedfetzen vorbeifahrender Autos, entwickelt sich, bis man schließlich bei seinem eigenen Traumhaus, seinen Lieblingsliedern, Begegnungen mit Freunden oder Wünschen an die Zukunft ist. Über diese Themen könnten wir stundenlang reden und schwärmen, gerade weil wir hier auf dem Camino vieles nicht haben.

Da sind zunächst die Erinnerungen an köstliches Essen. Der Duft aus so manchen Häusern oder Restaurants hat uns ins Träumen über Bauerneintöpfe, Lasagnen, Aufläufe, Gegrilltes, Kartoffeln, Fleisch oder Fisch gebracht. Alles Gerichte, die wir in unserem kleinen Titan-Topf nicht kochen können und die wir deshalb vermissen. Wir sammeln Rezepte von Gerichten aus den verschiedenen Regionen Frankreichs und haben uns entschlossen, diese nachzukochen oder zu backen.

Zum Beispiel das Baguette, das wir zu schätzen gelernt haben und das wir gerne selber backen würden. Leckere Tarte mit Mirabellen, Äpfeln oder Pflaumen. Dazu Vanilleeis oder einfach Kaffee und Tee. Quiche aus Lorraine mit einer Vielfalt an unterschiedlichen Belägen. Salate mit Roquefort-Käse-Sauce oder das simple Gemüse aus dem eigenen Garten.

Unser täglicher Couscous taucht nicht in unseren Träumereien auf, ebensowenig das morgendliche Frühstück. Scheinbar sind diese einfachen Mahlzeiten tatsächlich „nur“ Mahlzeiten und nichts für ausgiebige Träumereien. 

Dennoch ist es interessant, wie ein einzelner Geruch eine Fülle an Gedanken und Wünschen verursachen kann. 

 

Ist das Heimweh oder realisieren wir gerade jetzt, welchen Luxus an Essen wir doch hatten?

Kloster in Rivet
Hier durften wir eine Nacht verbringen.
Frühstück am Wegesrand
Les Landes begrüßt die Pilger.
Blühende Heide am Weg

Ein vertrauter Gedanke geht auch immer wieder zu unseren Gesellschaftsspielen. Entdecken wir Würfel oder Karten in einer Herberge, löst dies direkt Erinnerungen an die Gemeinschaft mit Freunden aus. Lange Spielnächte mit den unterschiedlichsten Spielen. Das Diskutieren, Taktieren, Provozieren, Probieren und Triumphieren vermissen wir besonders. Gedanklich planen wir Spielabende und erzählen uns von Lieblingsspielen und Spielsituationen. Egal ob Kooperationsspiele, wie „Die Legenden von Andor“*, oder Strategiespiele, wie „Der Ringkrieg“*. Wir freuen uns auf diese anderen Welten, obwohl wir doch gerade mitten durch unbekannte Welten laufen.  

Während ich durch eine wunderschöne Landschaft aus Bächen, Seen, bunten Wäldern und kleinen Straßen laufe, mich Hunde hinter Zäunen anbellen, Haselnussplantagen neben mir auftauchen, ich Feigen esse und Sonnenaufgänge bewundere, denke ich an phantastische Welten von Brettspielen nach. Seltsam und irgendwie verrückt. Ganz so, als ob die Realität nicht ausreichen würde.

Ist das Heimweh oder realisieren wir gerade jetzt, welchen Luxus an Zerstreuung wir doch hatten?

Ähnlich ist es mit unseren Arbeitsplätzen und unseren ehrenamtlichen Tätigkeiten. Wir vermissen die innige Gemeinschaft mit guten Freunden und Kollegen. Sei es im Kindergarten, in der Schule oder bei den Pfadfindern. Die Gemeinschaft hier auf dem Camino ist wunderbar! Keine Frage! Die tiefe Zweisamkeit, die wir erleben verbindet uns immer stärker und festigt unsere Ehe. Wir verstehen den jeweils anderen jeden Tag besser, kennen seine Stärken und Schwächen, wachsen über uns selbst hinaus und benötigen dann wieder Hilfe voneinander. Und dennoch sehnen wir uns nach gemeinsamen Freunden.

Denn die Kontakte hier sind nur flüchtig, vergehen schon nach Tagen wieder. Man denkt zurück an die Treffen, die Menschen am Wegesrand und gelangt dann zu den festen Freunden, die man in Deutschland zurückgelassen hat. Denkt an die wunderbaren Momente und freut sich bereits auf ein Wiedersehen, wann auch immer dies sein wird.

Ist das Heimweh, oder realisieren wir gerade jetzt, welchen Luxus an engen Freundschaften wir haben?

Der erste andere Pilger: Michael
Gastgeber Robert
Wanderbegleitung: Philippine
Erste andere Pilgerin: Grit
Unterstützer: Karin und Jürgen

Dabei ist eine besondere Freundschaft unsere treibende Kraft und Grund der Laufrichtung. Unsere besten Freunde, die wir nicht zurückgelassen haben, sondern zu denen wir gehen werden. Familie Hollmann Arbeiten mit YWAM in Vigo und ist der eigentliche Grund für unseren Weg nach Santiago de Compostela. Wir wollen sie schlicht und einfach besuchen und nach langer Zeit wieder sehen. Diese Vorfreude gibt uns täglich neue Kraft einen Fuß vor den anderen zu setzen und der Belastung von Wind, Wetter, dem Weg selbst, den eigenen Gedanken und Emotionen zu trotzen. Ein lebendiges Ziel zu haben gibt Antrieb und spendet Kraft. Wir gehen nicht nur zur Kathedrale von Santiago de Compostela, sondern weiter nach Vigo. 

Familie Hollmann Vigo YWAM
Familie Hollmann, Arbeiten mit YWAM in Vigo

Die Kirchturmspitzen, kleinen Kapellen und Wegkreuze lassen andere Gedanken erwachen. So gehen unsere Gedanken oft an unsere Heimatgemeinden zurück. Das gemeinsame feiern von Gottesdiensten, Lobpreis mit Liedern, das Hören auf Verse aus der Bibel und der Austausch über diese, erfüllen uns mit einer tiefen Sehnsucht. Sehnsucht nach dieser lebendigen Gemeinschaft. Zwar ist der Jakobsweg ein religiöser, spiritueller Weg, doch fehlt hier für uns diese konstante Gemeinschaft. Wir lesen zwar täglich in der Bibel (derzeit die Psalmen) und tauschen uns darüber aus, doch ist Gemeinde für uns mehr als das. Es ist eine Lebensgemeinschaft, die Leben miteinander teilt. Dies ist auf dem Camino derzeit schwer, da zu wenige Pilger unterwegs sind. Vielleicht ändert sich dies in Spanien und wir erleben diese Gemeinschaft und den geistlichen Austausch mit anderen. Wir würden uns darüber freuen.

Ist das Heimweh oder realisieren wir gerade jetzt, welchen Luxus wir mit unseren Gemeinden hatten?

Kapelle am Rothaarsteig (DE)
Kathedrale Bazas (FR)
Kirche in Aboncourt (FR)
Dom von limburg
Dom / Kathedrale Limburg (DE)
Kirche in Bouge (FR)
Kirche in Flouders (FR)

Natürlich denken wir nicht die ganze Zeit an Deutschland, Essen oder unsere Spielsammlung. Wesentlich öfter sind wir genau hier. Hier in Frankreich, auf der kleinen Landstraße, an dem kleinen Fluss, auf dem Waldweg, an der Kreuzung, vor der Kirche, irgendwo am Wegesrand und sind immer wieder erstaunt und überwältigt von allem um uns herum. Überwältigt von dem, was wir in diesem Moment erleben. In den Gesprächen mit anderen, der Gemeinschaft am Essenstisch oder der Schönheit der Natur. Dann verschwinden andere Träume und wir realisieren, dass wir einen unserer Träume gerade leben.

Ist das Heimweh oder nur ein Traum? Wir hoffen keins von beiden.

Was löst bei dir Erinnerungen an zu Hause aus?

Locke & Hut 01.10.2020

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Nadine Hollmann

    Heimweh, so denke ich, ist erst einmal nichts Schlimmes. Es ist ein tiefer Seufzer unserer Seele, ein Sehnen nach etwas, was man zuvor als selbstverständlich gehalten hat, so wie du es geschrieben hast. Ich denke, dass Heimweh, wenn wir uns denn auf die Suche nach machen nach was wir uns sehnen – so wie ihr euch auf diese Frage eingelassen hat – etwas sehr Wertvolles sein kann. Es lässt uns aufhorchen, und sehen was uns wirklich stärkt und was was uns gut tut. Wenn ich daran denke, euch bald in die Arme schließen zu können, ist das für mich so ein Ausdruck von meinem Heimweh. Heimweh nach wirklich guten Freunden, tiefen aber auch albernen Gesprächen, gutes Essen und Gemeinschaft. Mir kommen jetzt schon die Tränen an den Gedanken euch wieder losziehen zu sehen. Wir freuen uns mega auf euch!!

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